Kookï of Beautyful Whites
Klein Kookï ganz gross
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Das Magazin » Die Canepas
Die CanepasEin Porträt des schillerndsten Paares in der Schweizer Sport- und Wirtschaftswelt
09.10.2009 von Martin Beglinger , 1 Kommentar
Das erste Wort von Heliane Canepa ist ein Schrei und heisst «Kookie!». Das ist ihr junger Hund, ein weisser Schäfer, und der ist fast so wichtig wie der FCZ. Jetzt ist Kookie plötzlich verschwunden, doch zum Glück nicht für lange, sodass das Gespräch mit dem Ehepaar Canepa beginnen kann. Wir sitzen im Büro von Ancillo Canepa, nahe beim Zürcher Paradeplatz, von der Wand lachen Pelé, Seeler, Canepa und viele andere grosse Fussballer. Die Stimmung ist gut, die Sicht eher weniger, denn nach zehn Minuten ist das Büro vernebelt. Sie hat schon die dritte Zigarette hinter sich, und er stopft seine zweite Pfeife. Ein einziges Mal in ihrem Leben, erzählt Heliane Canepa, hatte sie aufzuhören versucht und drei Wochen lang keine Dunhill mehr angerührt — bis ihr Mann fand: «Du bist ja gar nicht mehr zufrieden!» Seither pafft sie wieder munter Kette, «und zwar für immer und ewig», wie die 61-Jährige fröhlich versichert, «aber ohne zu inhalieren!». Ancillo Canepa wiederum, den fast alle Cillo nennen, raucht Pfeife, seit er 20 war, ursprünglich auf Wunsch seiner Frau, weil sie schon damals fand, Männer mit Pfeife hätten mehr Klasse und Stil. Mittlerweile ist er 56, hat eine Sammlung von dreihundert Pfeifen und immer mindestens ein halbes Dutzend dabei.
Noch im August hatte sich der Präsident des FC Zürich beim Auswärtsspiel gegen Maribor derart nervös in seine Pfeife verbissen, dass ihm ein ganzer Zahn wegbrach. Aber sein FCZ hatte gewonnen und sich doch noch den Weg in die Champions League geebnet, wo Canepa hinwollte mit seinem Klub, unter allen Umständen hinwollte, obwohl ihn alle ausgelacht hatten, damals, vor knapp drei Jahren, als er zum ersten Mal von seinem grossen Ziel sprach. Und natürlich vom Ziel seiner Frau, deren liebster Satz schon immer war: Think big, the sky is the limit! Der Himmel als Grenze, das predigt die Unternehmerin Canepa auch den Schweizer Start-up-Firmen, die sie berät — und sich darüber ärgert, dass selten eine über das eigene Land hinaus denke. «Anstatt bis nach Amerika!»
Hunderttausend Freunde
Einen Stern hat der FCZ mittlerweile berührt, in Mailand, wo er holte, woran wohl nur die Präsidentengattin wirklich geglaubt hatte: einen Sieg. Gegen Milan! Niemand sonst hätte diesen Optimismus aufgebracht. Zuvor hatte Ancillo Canepa zwei Demütigungen gegen die Young Boys und gegen Neuchâtel Xamax mitansehen müssen. In solchen Momenten sitzt er nicht auf seinem Tribünenplatz, sondern er liegt in seinem Sitz, ausgestreckt, steif wie ein Brett, starr vor Ärger. Je schlechter seine Mannschaft spielt, umso stummer wird er. Mehr als das Wort «Abhaken» kriegt dann seine Frau auf der Heimfahrt nicht von ihm zu hören.
Läuft es wie in Mailand, dann hat er an einem einzigen Abend wieder hunderttausend Freunde mehr. Canepa gibt Autogramme und Interviews wie seine besten Spieler; Roger Berbig, Präsident des serbelnden Rivalen GC, bedauert öffentlich, «dass wir leider keinen Ancillo Canepa haben»; und Cillos guter Freund und YB-Financier Andy Rhys lag ihm schon lange in den Ohren, dass er bei den Young Boys sein müsste und nicht beim FCZ. Alle scheinen ihn zu wollen, doch Canepa weiss selber am besten, dass er auch rasch wieder hunderttausend Freunde weniger hat, sobald der FCZ ein paar Wochen lang mies spielt.
Im Vergleich zu den geschniegelten Managern von Real Madrid oder des AC Milan, die in diesem Herbst durch den Zürcher Letzigrund stolzieren, wirkt Ancillo Canepa eher wie ein Fan, der sich in die falsche Zone verirrt hat. Und seine Frau erst recht mit ihren schwarz-roten MBT-Schuhen, dem blau-weissen FCZ-Schal und einer Frisur, die aussieht wie ein verbotenes Feuerwerk in der Fankurve. Früher waren ihre Haare hennarot, heute leuchten sie blutorange. Von Natur aus wären sie eigentlich stark gelockt, was ihrem Mann viel besser gefiele, doch sie streckt die Haare jeden Morgen gnadenlos und lässt dann die Strähnen in alle Richtungen vom Kopf wegschiessen. Alles andere fände sie «schrecklich bieder».
Am liebsten sind die Canepas dort, wo sich die wahren Fans treffen: nicht in der VIP-Lounge, sondern auf der Tribüne, möglichst nahe beim Feld. Denn erstens dürfen sie dort rauchen, und zweitens ist Cillo Canepa ohnehin kein Canapé- und Cüpli-Präsident. Für ihn muss Fussball nach Gras und Bratwurst riechen. Es zieht ihn fast magisch Richtung Rasen. Er will mit den Spielern reden, würde im Grunde am liebsten gleich selber mitspielen, was aber nur noch schlecht geht, seit er vor zwei Jahren den FCZ-Torhüter zu bezwingen versucht und stattdessen seinen Meniskus ruiniert hatte. Trotzdem kann er noch immer an keinem Ball vorbeilaufen, ohne damit zu spielen. Zu Hause im Garten schiesst er auf ein Fussballtor und auf Parkplätzen wenigstens in den offenen Kofferraum seines schwarzen Landrovers, wo auch stets ein Ball bereit liegt.
Kennengelernt haben sich Ancillo Canepa und Heliane Mayer, wie sie damals noch hiess, in der Maschinenfabrik Rüti, wo sie als Stagiaire arbeitete und er als KV-Lehrling. Als er sie 1972 zum ersten Mal an ein Fussballspiel auf den Letzigrund mitnahm — Chiasso gegen den FCZ —, da wusste sie noch nicht einmal, dass die Mannschaften nach der Halbzeit die Seiten wechseln. Cillo, ein Terzo mit norditalienischen Wurzeln, war selber Stürmer beim Zweitligisten FC Rüti, klein und schnell, ein Dribbler und Wühler, der den Penalty suchte und so temperamentvoll auf dem Platz war, dass sich seine Mutter jahrelang genierte, an die Spiele ihres Sohnes zu gehen. Dafür stand bald einmal Heliane fiebernd an der Seitenlinie. Heute will sie lieber nicht mehr zählen, an wie viele Spiele sie ihren Mann in den letzten dreissig Jahren begleitet hat, bei Regen und in irgendeinen Sumpf, als einzige Zuschauerin und bald auch als selbst ernannte Trainerin, wenn Cillo wieder mal lausig gespielt hatte. Alles wahr, sagt ihr Mann dazu. Hauptsache aber ist und bleibt für ihn, dass er ein überdurchschnittlich guter Fussballer gewesen sein will, und wers nicht glaubt, dem zeigt der Präsident die Originaleinladung zu einem Probetraining für Jungtalente, die noch heute in seinem Büro hängt, aber nicht von seinem verehrten FCZ, sondern ausgerechnet von GC.
Kein Wort zu Ronaldo
Cillo Canepa glaubt, eine grössere Fussballerkarriere sei ungerechterweise auch an seiner Kleinheit gescheitert, an seinen 1 Meter 65, die halt so gar nicht ins Idealbild eines Stürmertanks passen. Umso mehr liegen Canepas Sympathien noch heute bei den Kleinen, bei Lionel Messi (1 Meter 69) von Barcelona oder bei Franck Ribéry (1 Meter 70) von Bayern München. Aber Ronaldo? Kein Wort über den grossen Mann von Madrid.
Selbst als guter Stürmer galt Cillo Canepa als schlechte Partie bei seinen Schwiegereltern, wenigstens am Anfang. Sogar der Hochzeit blieben sie 1973 fern. Helianes Vater, Bürgermeister und Dorfschullehrer in Vorarlberg, war der Meinung, seine Tochter hätte einen Besseren verdient als einen Schweizer, der nicht mal ein Auto hatte und erst noch fünf Jahre jünger war als die Braut. Handkehrum wusste zunächst auch Mutter Canepa nicht viel mit ihrer neuen Schwiegertochter anzufangen, die ein paar Hundert Bücher mit in die Ehe brachte anstatt eine schöne Aussteuer. Das junge Paar musste schmal durch, am 20. war das Portemonnaie meistens leer, worauf Mutter Canepa mit Pasta aushalf.
Was die beiden verband, waren nicht nur «die richtige Chemie» und viel Freiraum, sondern auch ein eiserner Wille zum Aufstieg, obschon beide wohl nie dachten, der Name Canepa werde dereinst (2007) in der Reichstenliste der «Bilanz» auftauchen mit einem geschätzten Vermögen von 100 und 200 Millionen Franken. Sie wollten unabhängig werden, frei sein, Geld verdienen. Und vor allem: sich später nie vorwerfen müssen, sie hätten ihr Leben verplempert. «Es ist Pflicht, das Bestmögliche aus seinem Leben zu machen», heisst einer von Heliane Canepas Leitsätzen. Cillo hatte sich schon am Ende seiner KV-Lehre gesagt: «Canepa, das kanns nicht gewesen sein, dass dir immer andere sagen, was du zu tun hast.» So studierte er zunächst Betriebswirtschaft an der damaligen Zürcher HWV, machte dann sein Diplom als eidgenössischer Wirtschaftsprüfer und stieg 1976 ins internationale Prüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young ein. Dem blieb er exakt dreissig Jahre lang treu und arbeitete sich bis in die Geschäftsleitung hoch, wo er die Abteilung Wirtschaftsprüfung mit 900 Leuten führte.
Für Heliane, das zweite von fünf Kindern, war schon der erste Lebenstag ein Kampf. Sie kam drei Monate zu früh auf die Welt und erhielt sogleich die Nottaufe. «Ich war ein Verreckerli», sagt sie heute und lacht herzerfrischend, «aber das Verreckerli hats geschafft!» Sie ist ehrgeizig, eine Krampferin, sie will gewinnen, und wenn sie nur mitmachen kann, aber keine Siegchancen sieht, dann tritt sie lieber gar nicht erst an. Kochen ist so ein Feld, auf dem sie früh Forfait gab. Seit dreissig Jahren hat sie keine Pfanne mehr angerührt. Es ist Cillo, der an den Wochenenden für Hausmannskost sorgt.
Im Büro hingegen hatte die gelernte Handelsschülerin und Sprachstudentin bald das Gefühl: «Eigentlich bist du klüger als dein Chef. Du lieferst die Ideen, setzt sie um, organisierst alles. Aber er erntet das Lob und wird befördert», wie sie in einem Buch schrieb.* Die grosse Gelegenheit zum Tatbeweis erhielt sie 1980 bei der Bülacher Firma Schneider, und wie sie diese innerhalb von zwanzig Jahren vom 5-Mann-Garagenbetrieb zu einem internationalen Medizinalkonzern mit 2400 Mitarbeitern hochstemmte, ist längstens Legende in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Die Frau konnte ihre Mitarbeiter offensichtlich begeistern. Nach guten Resultaten spielte sie «We are the champions», wenn auch stets nur für eine Minute, weil sie mehr für charaktergefährdend hält. Die notorische Frohnatur, für die, sagt sie jedenfalls im milden Rückblick, 18-Stunden-Tage ein Vergnügen waren, konnte aber auch eisenhart mit ihren Leuten sein. Wer zu spät kam, den schloss sie aus dem Sitzungszimmer, und wer gar nicht spurte, wie sie wollte, der stand rasch auf der Strasse. Heliane Canepa wurde mit Unternehmerpreisen überschüttet, und als der amerikanische Mutterkonzern Pfizer die profitable Firma 1999 gegen ihren Willen verkaufte und das Werk in Bülach schloss, wurde sie endgültig zur heiligen Heliane, weil sie all ihren 550 Angestellten dort zu neuen Jobs verholfen hatte.
Derweil kam ihr Mann kaum noch nach mit dem Sammeln von Artikeln über seine berühmte Frau. Als sie 2001 CEO des Zahnimplantate-Herstellers Nobel Biocare und 2005 von der «Financial Times» zu einer von Europas zehn besten Unternehmerinnen ausgerufen wurde, gab es definitiv kein Halten mehr. «Viele Männer haben mir gesagt, sie würden es neben einer Frau wie mir nicht aushalten», sagt Heliane Canepa. Das war schon so, auch in ihrer eigenen Firma. Als sie 2006 zusammen mit ihren engsten Mitarbeitern als Rockerbraut in Lederkluft für den Geschäftsbericht von Nobel Biocare posieren wollte, stellte sich der Verwaltungsrat quer. Auch ihr zweites Wunschfoto — die Firmenchefin auf einem Sessel thronend, der von ihren Mitarbeitern in die Höhe gestemmt wird —, wurde gestoppt. Die Grenzen der Selbstinszenierung waren endgültig überschritten, und die firmeninternen Kritiker sprachen nur noch von einer «unguided missile», einer unsteuerbaren Selbstläuferin an der Unternehmensspitze. Bald darauf war die so begnadete wie extravagante Verkäuferin Canepa nicht mehr CEO von Nobel Biocare, doch sie selber schildert ihren Abgang so frohgemut, als hätte ihr nichts Besseres im Leben passieren können. «Endlich hatte ich Zeit für einen Hund!»
Wie auch immer, Ancillo Canepa war jedenfalls stets «extrem stolz» auf die grosse Karriere seiner Frau. In ihrem langen Schatten zu stehen, habe ihn nie gestört. Im Gegenteil, er beriet sie, spielte Probepublikum für ihre Vorträge, redigierte ihre Zeitungsinterviews, war sozusagen ihr privater Wirtschaftsprüfer. Dass er in seiner eigenen Berufswelt dauernd gefragt wurde, ob er ein «Verwandter» der bekannten Frau Canepa sei, nahm er unterdessen mit Humor: «Ja, seit 25 Jahren.» Nur die Einladungen zum Damenprogramm bei internationalen Managermeetings im Pfizer-Konzern hat der Ehemann von Frau Canepa stets freundlich ausgeschlagen.
Mit Frauen, glaubt sie wie er nach dreissig Jahren Berufsleben, lasse sich besser arbeiten, weil Frauen engagierter, hartnäckiger, stressresistenter seien. Und tendenziell zielgerichteter sowie risikobewusster mit Geld umgingen als Männer. Die Frauen bräuchten nur mehr Mut und mehr Selbstvertrauen, sagt sie. Aber, ergänzt er, «nicht einen Schangli zu Hause, der plötzlich eifersüchtig wird, weil seine Frau mehr verdient und vielleicht noch eine Kaderfunktion hat und deshalb er das Znacht zu Hause kochen sollte anstatt die Füsse hochzulagern». Seinen Kaderfrauen bei Ernst & Young habe er das immer gesagt, und zwar genau so: «Wenn ihr einen solchen Schangli zu Hause habt, dann macht ihr entweder ein Change Management oder ihr gebt ihm den Laufpass. Sonst seid ihr für den Rest eures Lebens frustriert.»
Lieber dumme Männer als Frauen
Als Emanze hat sich Heliane Canepa nie verstanden, und von Forderungen nach Quoten hielt sie sich erst recht immer fern. Ihr war wohl als Exotin in einer Männerwelt. Verbiegen lassen mochte sie sich nie, auch nicht äusserlich. Als ihr mal ein paar Firmenanwälte dringendst rieten, sich für einen Gerichtstermin in den USA eine bravere Frisur zuzulegen, da lehnte sie diese Forderung als Zumutung ab. (Und gewann den Prozess trotzdem.) Wenig ärgert sie mehr als Frauen in der Rolle des «armen Huscheli, das sich nicht wehren kann». Ungleiche Löhne für gleiche Arbeit? Ein Skandal, klar, findet sie, «aber dann bitte nicht jammern, sondern vor Gericht gehen». Wenn schon, dann erträgt sie «eher dumme Männer, weil ich mich bei dummen Frauen fürs eigene Geschlecht schäme».
In ihren Firmen hat sie zwar früh für Kinderkrippen gesorgt, doch die Idee von einem eigenen Kind fand nie Platz zwischen den Karrieren der Canepas. Sie sagt, sie hätte nie ein eigenes Kind fremdbetreuen lassen können, also liess sie es bleiben. Was keinesfalls heisse, das müssten alle Frauen so halten. Den Vorwurf, eine Firmenchefin begehe so etwas wie Fahnenflucht, wenn sie ein paar Monate Mutterschaftsurlaub macht, hält Heliane Canepa für «Schwachsinn» — im Gegensatz zu ihrem Mann, der meint, beides vertrage sich nicht.
Bereits 1995 wurde Ancillo vom damaligen Jusitzminister Koller in eine bundesrätliche Expertenkommission für Aktienrecht berufen. Doch das erste Mal, als man den Namen Ancillo Canepa deutlich über die Welt von Ernst & Young hinaus zur Kenntnis nahm, war 2001. Im Auftrag von Swissair-Liquidator Karl Wüthrich hatte Canepa als oberster Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young den Konkurs der «fliegenden Bank» zu durchleuchten und dabei einen Schlussbericht abgeliefert, der vernichtend war für deren Führungsetage; in zwei Laufmetern Untersuchungsakten hatte er einen Abgrund an Inkompetenz und mangelnder persönlicher Integrität dokumentiert. Wirklich erschüttern habe ihn das allerdings nicht mehr können, sagt Canepa heute, denn die Erfahrung von Hunderten von Branchen- und Firmenanalysen hatten ihm schon vorher alle Illusionen ausgetrieben. Wie nur wenige Leute im Land hat der Wirtschaftsprüfer Canepa schon einen beträchtlichen Teil der Schweizer Wirtschaftselite quasi in Unterhosen vor sich gesehen, und der Anblick war oft keine Freude. «Es sind längst nicht alle grossen Manager so gut, wie viele Leute meinen, gerade in den grossen Konzernen.» Was Canepa weit mehr imponiert, ist die solide Welt der KMUs, der kleinen und mittleren Unternehmen, die zwar nicht dauernd von Corporate Governance reden, sie aber umso mehr leben. «Überzeugende Führungs- und Unternehmerpersönlichkeiten findet man primär dort.»
Nach seiner Grounding-Analyse zog Canepa als Wanderprediger für Corporate Governance durchs Land. Doch jene, die es am meisten anging, hätten ihn, so Canepas Erinnerung, «am liebsten massakriert dafür». Auch seine Warnungen vor obskuren Finanzinstrumenten, die kein Mensch mehr verstand, verpufften folgenlos. Nicht mal seine eigene Frau mochte genau hinhören, wenn Cillo wieder mal vor einem «Finanz-Tsunami» warnte, weil sie total in ihrer Welt der Zahnimplantate versunken war. Es war ihr Glück, dass er einen Teil ihres flott gewachsenen Vermögens früh in Gold und andere Werte investierte, aber nie in Lehman-Papiere, obwohl die Anlageberater sie auch ihm hatten unterjubeln wollen. «Die Hunderte von Bankern, die ihren Kunden Schrott angedreht haben, müssten alle ins Gefängnis.» Handkehrum hat er «null Mitleid mit jenen Leuten, die ob ihrer eigenen Gier jeden gesunden Menschenverstand vermissen liessen und sich wegen ein paar Prozenten die dümmsten Anlagestrategien aufschwatzen liessen».
Der Wirtschaftsprüfer Ancillo Canepa war erfolgreich, er verdiente ziemlich viel Geld, wenn auch wesentlich weniger als seine Frau, er hatte weitere Aufstiegschancen in der Firma. Und doch las er in der Sauna viel lieber Fussballmagazine als Fachartikel über das Finanz- und Rechnungswesen. Über die deutsche Bundesliga, einst sein Spezialgebiet als Kandidat im TV-Quiz «Tellstar» — wusste er mindestens so viel wie über die Kniffe bei der Due Dilligence. Was ihm fehlte, war der emotionale Kick. Die Leidenschaft. Der Fussball eben. So meldete er sich sofort, als er im Januar 2005 in der Zeitung las, dass FCZ-Präsident Sven Hotz neue Investoren suchte. Hotz sondierte diskret, ob der Mann kein Hasardeur war wie schon so mancher in diesem Metier, nach vier Monaten ohne einen Ton lud er die Canepas zwecks Beschnupperung an den Cupfinal ein. Von jenem Moment an war Ancillo Canepa nicht mehr in erster Linie «der Mann von», sondern eine öffentliche Figur, der mögliche Nachfolger von Sven Hotz. Eineinhalb Jahre später war er es. Aber kein Nebenbei-, sondern der erste Vollzeitpräsident des Landes und erst noch einer, der nicht mal einen Franken dafür will, weder als Verwaltungsratspräsident noch als Geschäftsführer.
Sein Lohn ist die Ehre, der kleine Canepa auf der grossen Bühne; es sind Adrenalinduschen wie in Mailand, dem Fussballabend seines Lebens. Der Einkauf in den Klub hatte ihn zwei Millionen Franken gekostet, doch das alte Hobby zum neuen Beruf zu machen, war ihm jeden Rappen wert, auch wenn ihn deshalb ein paar gute Freunde für nicht mehr ganz bei Trost hielten. Etliche andere hingegen, sagt Canepa, hätten den Posten am liebsten gleich selber übernommen.
Die Fussball-KMU
Bei Amtsantritt wurde das Präsidentenpaar erst einmal belächelt. Die Canepas waren die «Caneplis». Kann der das?, fragten Fans und Journalisten. Warum will er überhaupt? Und seine Frau: die Zürcher Antwort auf Gigi Oeri? «Sicher nicht, meine Frau ist Unternehmerin!», erwidert Canepa vehement. Der Vergleich mit der Präsidentin des FC Basel scheint in Zürich nicht sehr zu schmeicheln.
Noch immer ereifert sich Canepa, weil man ihm anfangs unterstellte, er sei vor allem an gewinnträchtigen Spielertransfers interessiert. «Völliger Bullshit!» Der Not gehorchend, habe er private Mittel auch für Spielertransfers zur Verfügung stellen müssen. «Das machen wir einzig aus Verbundenheit zum FCZ. Allfällige Transfergewinne investieren wir wieder in den Klub.»
Fussballvereine gelten ohnehin eher als Geldvernichtungsmaschinen. Die Canepas wollen zwar nichts mit dem FCZ verdienen, aber auch nichts verlieren. Der eidg. dipl. Wirtschaftsprüfer Ancillo Canepa will auf keinen Fall enden wie die früheren Fussballpräsidenten von Servette, Lausanne, Sion, Lugano, Wettingen, Luzern und Wil, nämlich mit einem in den Konkurs getriebenen Verein oder gar im Gefängnis; oder wie der schwer verschuldete Präsident des FC Lugano, der sich mit seinem Auto in in einem See versenkte. Dass er die 25 Millionen Einnahmen aus der Champions League verjubeln könnte wie seinerzeit der FC Thun, das hält er sowieso für «undenkbar». Ancillo Canepa ist vermutlich der erste Präsident in der Geschichte der Champions League, der «einen grossen Teil» der 25 Millionen brav auf ein Sparkonto transferiert. (Wahr ist jedoch auch, dass er vor Kurzem gut 3,5 Millionen Franken versenkt hat, freilich nicht im Fussball, sondern mit seinem Engagement für die unterdessen gescheiterte Gratiszeitung «.ch».)
Cillo Canepa führt seinen FCZ wie eine KMU, und dazu passt, wie die Spieler das Präsidentenpaar begrüssen, wenn es zu einem Training auftaucht. Handschlag, Augenkontakt, freundliches Lächeln, und Heliane Canepa gerät ins Schwärmen über diese flotten Angestellten in kurzen Hosen. «Von wegen tätowierter Flegel! Endlich junge Männer mit Manieren», welche sie bei den Lehrlingen in ihren Unternehmen so sehr vermisst hatte. «Schulen und Eltern könnten eine Menge lernen in den Benimmkursen der FCZ-Nachwuchsförderung.»
Fehlt nur noch ein besseres Stadion. Der Präsident kann sich ohne Ende ärgern, dass die Stadt Zürich es bis heute nicht fertigbrachte, ein kleines, stimmungsvolles Fussballstadion zu bauen. Wie St. Gallen. Oder Luzern. Von Basel nicht zu reden. So wird Canepa noch lange mit dem Kühlschrank Letzigrund vorliebnehmen und sich mit seinen treuen Fans in der Südkurve trösten müssen, die auch dann singen und brüllen, wenn Bellinzona einläuft und nicht Real Madrid.
Die Fans wiederum sehen auf der Stadionleinwand, wie der Präsident bei Halbzeit in die Katakomben des Letzigrunds eilt, und viele glauben, nun werde er seinen Spielern Dampf machen. Falsch. Canepa geht nicht in die Kabine, sondern in die Tiefgarage, denn dort wartet brav der Hund. Kookie kriegt einen frischen Knochen. Und sein Herrchen darf rasch mit dem Ball im Kofferraum jonglieren.
* Elisa Streuli: «Mit Biss und Bravour. Lebenswege von Topmanagerinnen», Zürich 2007
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Eine Reaktion
DJ oliver hochzeit
wirklich ein tolles paar (oder team?) die beiden. wünsche viel glück und bedanke mich für den tollen artikel!
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